Wenn Dankbarkeit leise macht - Über Lärm, Liebe und das Gefühl, zu viel zu sein

Wenn Dankbarkeit leise macht - Über Lärm, Liebe und das Gefühl, zu viel zu sein
Bild: KI generiert

Ich liege in meinem Sessel und mein Kopf fühlt sich an, als würde er platzen. Jürgen ist nebenan in der Küche und macht Abendessen. Töpfe und Besteck klappern, Schubladen werden aufgezogen und geschlossen, der Timer piept. Trotz geschlossener Türe fühlt sich jedes Geräusch an, wie Nadelstiche in meinem Kopf. Jeder Ton zieht Energie und ich würde am liebsten schreien. Würde gerne fragen, ob er die Dinge nicht achtsam an ihren Platz stellen kann.

Doch ich sage: Nichts.
Während in mir der Satz kreist: „Sag doch was.“ Aber gleich danach kommt der andere: „Du willst Dich doch nicht ernsthaft beschweren? Sei froh, dass Du Hilfe hast.“

Und so bleibe ich still. Aus Scham und weil ich mich klein fühle, empfindlich, anstrengend. Weil ich nicht undankbar sein will und weil ich Angst habe, dass ich zu viel oder untragbar werde.

Zwischen Dankbarkeit und dem Wunsch, gehört zu werden

Ich bin zutiefst dankbar für jede Unterstützung, jedes Dableiben, jedes Verständnis. Aber diese Dankbarkeit hat manchmal eine leise Kehrseite: Sie macht mich sprachlos. Ich ringe um Worte, die Rücksicht erbitten, ohne zu kritisieren. Worte, die Grenzen setzen, ohne zu verletzen. Worte, die zeigen, dass ich dankbar bin und trotzdem ein Bedürfnis habe.

Doch so oft finde ich genau diese Worte nicht. Wie soll ich ihm erklären, dass mir eine klappernde Tasse oder das Kratzen des Löffels in der Müslischale körperlich weh tut, ohne dass er sich als Störenfried fühlt? Wie bittet man um Ruhe, ohne das Gefühl zu haben, zu viel zu verlangen? Also schweige ich und hoffe, dass Rücksicht von selbst passiert.

Vielleicht fängt es mit kleinen Sätzen an

So war es, bis ich gelernt habe, dass Schweigen alles nur noch schlimmer macht. Dass es für das nächste Mal hilft, über das zu sprechen, was ich brauche. Nicht als Vorwurf, sondern als Einladung. Etwa so: „Ich bin Dir dankbar für alles, was du tust und trotzdem sollten wir nochmal über Geräusche reden.“ Oder „Wenn ich mich plötzlich zurückziehe, liegt das nicht an Dir, sondern daran, dass mir Worte fehlen, ohne undankbar zu wirken.“ Solche Sätze brauchen Mut. Aber vielleicht entsteht genau daraus das, was wir alle brauchen: gegenseitiges Verständnis, ohne Scham oder Schuldgefühle.

ME/CFS verändert nicht nur das, was ich körperlich schaffe. Es verändert auch, wie ich mit anderen lebe. Ich lerne, dass man dankbar sein kann und trotzdem manchmal allein von der Anwesenheit anderer überfordert ist. Dass man weiß, dass man geliebt wird und sich trotzdem schämt, anstrengend zu sein. Und dass wahre Nähe dort beginnt, wo man so mutig ist und genau das trotzdem ausspricht. Denn manchmal ist Liebe nicht laut, sondern leise.

Ein kleiner Hoffnungsschimmer

Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass das Reden leichter wird. Nicht, weil es weniger schmerzhaft ist, sondern weil es ehrlicher wird. Mein Mann und ich lernen, zwischen den Zeilen zu hören: Wann Schweigen ein Schutz ist und wann es um Hilfe bittet. Und jedes Mal, wenn ich doch etwas sage - auch wenn es zaghaft, unbeholfen und tastend ist - spüre ich, dass sich etwas verändert. Nicht nur in mir, sondern auch zwischen uns.

Vielleicht ist das der Anfang von etwas Neuem: Einer Liebe, die nicht lauter werden muss, um echt zu sein. Nur wahrer. Und leiser.

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