Eine Stufe tiefer

Eine Stufe tiefer
Photo by Alessia Cocconi / Unsplash

Ich sitze seit einer Weile auf der Bettkante. Nicht, weil ich noch schlafen möchte, sondern weil Aufstehen gerade mehr Energie verlangt, als verfügbar ist. Seit der Borreliose, die Ende November aufgetaucht ist, und den Antibiotika fühlt sich mein Körper an, als trüge er einen Bleimantel. Kein punktuelles Gefühl, sondern etwas, das sich über den ganzen Tag legt.

Die Bettdecke wirkt schwerer als sonst. Nicht im übertragenen Sinn, sondern ganz konkret. Mein Handy liegt in der Hand wie ein Backstein und selbst Halten wird zur Aufgabe. Auch die leichte Wolldecke wirkt, als hätte sie über Nacht zugenommen. Es sind kleine Dinge, aber sie zeigen, wie sehr sich die physikalischen Regeln verschoben haben.

Elementare Dinge

Was mir im Alltag am meisten auffällt, sind nicht die großen Pläne, die gerade nicht gehen, sondern die elementaren Dinge. Duschen zum Beispiel. Einmal pro Woche im Sitzen, mit Hilfe beim Abtrocknen, dann Pause im Bademantel, bevor ich mich anziehen kann. Oder Kochen alle paar Tage: Vorbereitung in kleinen Schritten mit Pausen, am Herd auf dem Hochstuhl sitzend. Mehr ist nicht drin, alles braucht Planung und Erholung danach.

In dieser tiefen Erschöpfung intensiviere ich mein Pacing noch mehr, teile Aufgaben in machbare Häppchen, damit der Bleimantel nicht noch schwerer wird und Energie für den Rest bleibt. Vor ein paar Monaten waren diese Dinge einigermaßen machbar; heute kosten sie Kraft, bevor sie begonnen haben.

Mehr davon

Viele von uns mit ME/CFS kennen diesen Zustand. Zusätzlich zu all den anderen Symptomen diese tiefe, systemische Erschöpfung, die nichts mit normaler Müdigkeit zu tun hat. Und wir kennen auch das, was passiert, wenn eine zusätzliche Infektion hinzukommt. Corona, eine Erkältung oder wie bei mir eine Borreliose. Der Zustand ändert nicht sein Wesen, aber seine Dichte. Es ist nicht etwas Neues. Es ist mehr davon.

Was ich dabei neu lerne:

Auch wenn man selbst betroffen ist, weiß man nicht, wie sich die nächste Stufe anfühlt, bevor man dort steht. Man glaubt, den Rahmen zu kennen und merkt dann, dass der Boden noch einmal nachgibt. Eine Stufe tiefer heißt, plötzlich dazustehen, ohne zu wissen, ob es hier endet, ob es noch weiter abwärts oder doch wieder zurück auf die vorherige Stufe geht.

Alles wird schwerer

Alles wird schwerer. Bewegung, ja definitiv. Aber auch Denken. Gedanken fühlen sich an, als müssten sie sich durch Widerstand schieben, statt einfach zu entstehen. Manchmal ist es, als wäre ich in Wackelpudding eingeschlossen: Jede kleinste Bewegung, jeder Impuls, jeder Gedanke kostet unverhältnismäßig viel Energie. Nichts gleitet. Alles stockt.

Reize summieren sich schneller, als sie verarbeitet werden können: Wasser aus dem Hahn rauscht lauter, das leise Ticken der Uhr dringt stärker durch, Fernsehen geht nur ganz leise oder gar nicht. Ein Post auf Instagram, ein Geräusch, selbst Licht wirkt greller. Schreiben ist nicht das Schwerste, die Worte sind da. Aber alles drumherum – Audios, Reels, Gespräche – ist zu viel geworden. Denn Entscheidungen, Planung, Präsenz überfordern mein System. Ich nutze nun, was fertig ist. Neues zu beginnen fühlt sich an, als trägt der Boden nicht.

Bleibt das?

Eine Frage taucht immer wieder auf: Bleibt das so? Sie steht mit im Raum. Dort, wo mein Spielraum kleiner geworden ist. Wo Dinge, die vor Kurzem noch möglich waren, nun außerhalb der Reichweite liegen.

Vielleicht ist das im Moment der Punkt:

Dass es um die grundlegenden Dinge geht.

Und dass alles andere erst danach kommt -

wenn überhaupt.


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